Exterior gestation – Die Schwangerschaft am Körper

Ein Känguruhjunges wird viel zu früh geboren. Als kleiner Fötus krabbelt es durch das Fell der Mutter in den Beutel, wo es an einer Zitze quasi festwächst und verbleibt, bis es zu einem Leben außerhalb des Beutels bereit ist.

 

Wie sieht es aus beim Menschen? Ist dieser bei der Geburt bereit für ein Leben „außerhalb des Beutels“?

 

Tatsächlich werden auch Menschenjunge eigentlich viel zu früh geboren. Sie sind weitaus länger total hilflos, als die Jungen jeder anderen Tierart.

 

Die Geburt ist eine Art Trennung von Mutter und Kind – aber ist das Kind bereit zur Trennung?

 

Schauen wir uns das Menschenbaby an:

 

Es braucht Wärme, Nahrung und Schutz. All das bekommt es im Mutterleib ganz selbstverständlich. Nach der Geburt ist es aber noch eine ganze Weile darauf angewiesen, gewärmt, gefüttert und vor Gefahren geschützt zu werden. Es vergehen Monate, bis es auch bei extremer Wärme und Kälte seine Körpertemperatur eigenständig regulieren kann. Es vergehen Monate bis über ein Jahr, bis es sich gezielt von Gefahren fort bewegen kann. Und bis es sich selbst auf die Suche nach Nahrung machen kann, vergeht eine noch viel längere Zeit.

 

Wenn ein Baby geboren ist, dann spürt es instinktiv, dass es weiterhin auf die unmittelbare Nähe der Mutter oder einer anderen engen Bezugsperson angewiesen ist. Es hält sich mit den kleinen Fingerchen an uns fest und schmiegt sich mit dem ganzen Körper an uns, wenn wir es anheben (Greifreflex, Anhock-Spreiz-Reaktion). Wenn wir es schaukeln oder umhertragen und sanft mit ihm sprechen, beruhigt es sich. Auch Enge wirkt beruhigend. Sei es ein Nestchen aus einem Stillkissen, ein Pucksack oder die Umarmung der Eltern. Alles in allem strebt es einen Zustand an, der den Gegebenheiten im Mutterleib sehr ähnlich ist: Wärme, Bewegung, Geräusche. Im Mutterleib ist es alles andere als still! Der Herzschlag der Mutter ist ständig zu hören, es kennt aber auch die Stimme der Mutter und die der ihr nahe stehenden Personen. Der Darm grummelt tags wie nachts vor sich hin. Und sehr wahrscheinlich wirkt ein „Tschhhhhhhhhhh“ deshalb so beruhigend auf ein Baby, weil das Pulsieren der Bauchschlagader, die Nahe am Uterus vorbei läuft, sich ganz ähnlich anhört. Und Bewegung erfährt es dort auch, zumindest solange die Mutter aktiv ist, und umherläuft.

 

Hunger kennt ein Baby nicht, wenn es geboren wird. Es bekam ja eine Rundumversorgung über die Nabelschnur. Doch ist diese durchtrennt, wird sich bald der Hunger melden. Denn nie wieder wächst ein Mensch so schnell, wie im ersten Lebensjahr. Das Geburtsgewicht wird mindestens verdoppelt, nicht selten sogar verdreifacht. Auch das Gehirnwachstum und das im Verhältnis zum Körper sehr große Gehirn verschlingen viel Energie. Es ist auf eine regelmäßige Nahrungszufuhr angewiesen, im Idealfall wird es nach Bedarf gestillt, was anfangs einer Anzahl von 8-12 Mahlzeiten in 24 Stunden entspricht. Nicht selten sind es noch mehr, gerade in Wachstumsschüben, nach anstrengenden Tagen, bei Krankheit etc. Da Pulvermilch und Flaschen eine relativ neue Erfindung sind, haben diese Tatsachen eine länger andauernde Trennung von Mutter und Baby nicht erlaubt.

Das Menschenbaby erreicht erst um den ersten Geburtstag herum einen Entwicklungsstand, den die Jungen vieler uns Verwandter Tierarten bereits ab Geburt haben.

 

Man kann also sagen, dass die menschliche Schwangerschaft 21 Monate dauert:

 

9 Monate IM Körper, 12 Monate AM Körper.


Geburtskanal und -verlauf von Schimpanse, Frühmensch und modernem Menschen im Vergleich
Abb. 1: Geburtskanal und -verlauf von Schimpanse, Frühmensch und modernem Menschen im Vergleich (http://rstb.royalsocietypublishing.org)

Aber warum ist das so?

 

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze und die Wahrheit ist wahrscheinlich eine Mischung daraus.

 

Im Laufe der Evolution wurde das menschliche Gehirn immer größer und größer. Kein anderes Tier hat im Verhältnis zum Körper ein so großes Gehirn.

 

Gleichzeitig begannen wir aufrecht zu laufen. Dies begrenzte ein Größerwerden des Beckens und damit des Geburtskanals. Während ein Shimpansenjunges noch mühelos durch den Geburtskanal passt, muss ein Menschenbaby sich durch den Geburtskanal bewegen, indem es den Kopf seitlich dreht. Die Fontanellen am Kopf des Babys werden dabei zusammengedrückt, was den Kopf des Babys kurzzeitig etwas verkleinert. (siehe Abb. 1) Bei "Lucy" einer unserer frühen aufrechtgehenden Vorfahren, sah es schon ähnlich aus. Der Kopf ihrer Babys war im Vergleich zu ihrem Becken schon deutlich größer als beim Menschenaffen. Für sie war die Geburt sicherlich schon langwieriger und beschwerlicher. Wir Menschenmütter haben mit Abstand die beschwerlichste Geburt unter allen Müttern der Erde.

 

Durch den aufrechten Gang ruht das Gewicht des Babys, der Plazenta, des Uteruses und des Fruchtwassers nun nicht nur noch auf unserer Bauchmuskulatur, wie bei einem Vierbeiner, sondern unser Beckenboden muss dieses Gewicht tragen. Auch dieser gerät irgendwann an seine Grenzen.

 

Und das schnelle Wachstum des Babys, vor allem des Gehirns, führt dazu, dass eine Schwangerschaft, mit der dazugehörigen Mehrbelastung von Herz und Kreislauf und auch Leber und Nieren, den Körper der Mutter zu sehr fordert. Ein Weitertragen des Nachwuchses AUSSERHALB des Körpers nach einer Dauer von ungefähr 38-42 Wochen hat sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft erwiesen, sowohl für den Körperbau der Mutter, als auch deren Energiehaushalt.

 

Im Vergleich zu der Lebensspanne des Menschen, ist diese Schwangerschaftsdauer sehr kurz. Hätten Schwangerschaft und Lebenserwartung ein ähnliches Verhältnis wie bei anderen Primaten, würde die Schwangerschaft 18-21 Monate dauern.

 

Auch die Wachstumsgeschwindigkeit eines Babys , gerade des Gehirns, im ersten Jahr ist einzigartig, es ähnelt am ehesten dem Wachstumsmuster, das andere Säugetierjunge noch im Mutterleib durchleben.

 

Aber auch andersherum betrachtet ergeben diese Tatsachen einen Sinn:

 

Die meisten Säugetiere erleben eine relativ lange Zeit der frühen Entwicklung im Mutterleib. Optische, akkustische und sensorische Eindrücke von außen werden durch den Körper der Mutter gefiltert, abgeschwächt.

 

Das Gehirn eines Menschenbabys erfährt jedoch relativ früh die direkten, unmittelbaren Eindrücke außerhalb des Körpers. Das Gehirnwachstum wird durch diese Stimulation gefördert und dies hat sicherlich dazu beigetragen, dass wir unsere menschliche Intelligenz erreichen konnten.

 

Zu einem Zeitpunkt, wo andere Säugetiere noch im Mutterleib verweilen, erlebt das Menschenbaby schon verschiedenste Gerüche, Berührungen, Temperaturen, erforscht mit Händen und Mund Gegenstände und Texturen und mach eine erstaunliche soziale Entwicklung durch. Es erkennt Gesichter, ahmt Mimiken nach, lernt immer differenzierter zu kommunizieren und beginnt nach und nach sich als eigenständige Persönlichkeit zu begreifen.

Die Kindheit des Menschen,die Abhängigkeit von den Eltern, dauert länger als bei allen anderen Lebewesen. Aber genau das führt dazu, dass wir so intelligent und anpassungsfähig wurden, dass wir im Laufe der Zeit als einzige Art geschafft haben, sämtliche Klimazonen der Welt zu besiedeln. 

Wie können wir unserem Nachwuchs denn nun diese "Schwangerschaft am Körper" ermöglichen?

 

 Logisch: Mit Tragen!

 

Viele der oben genannten Bedürfnisse eines Babys werden durch das Tragen gestillt. Zusammen mit Stillen oder Flasche geben nach Bedarf und zärtlicher Fürsorge und Ansprache können wir das Beste aus dieser anstrengenden, aber auch sehr schönen (und im Vergleich zum Rest des Lebens überschaubar kurzen) Zeit des Lebens machen!

           BABIES ARE BORN TO BE WORN!

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Kommentare: 2
  • #1

    Nadja (Donnerstag, 12 März 2015 21:42)

    Danke für diesen tollen Artikel!

  • #2

    Sina (Samstag, 14 März 2015 04:10)

    Ich kann nicht verstehen warum Tragemamis sich jedes Mal rechtfertigen müssen, warum sie ihre Babies tragen und auf Studien oder ähnliches dafür zurückgreifen...ich finde, es ist das normalste der Welt, seinem Kind das zu geben was es wirklich braucht....